Konzept zum Klassenrat als einem Element der Gewaltprävention

Der Klassenrat
Der Klassenrat ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer kindgerechten Form des Zusammenlebens in der Schule. Er entspricht dem Bedürfnis von Kindern, sich der Klassengemeinschaft zugehörig und akzeptiert zu fühlen und konstruktiv mit zu wirken. Der Klassenrat gewöhnt Kinder daran, ihre Fragen, Vorschläge, aber auch Sorgen und Konflikte selbst und gewaltfrei zu verhandeln, ihre Angelegenheiten verantwortungsbewusster und selbstständiger zu regeln. Der Klassenrat ist ein Instrument der Demokratie in der Klasse und eignet sich für jede Stufe. Die Lehrperson nimmt den Klassenrat wichtig, stellt Raum und Zeit zur Verfügung und engagiert sich dafür. Der Klassenrat findet regelmäßig statt. Die Themen werden größtenteils von den Kindern gewählt. Der Klassenrat ist weder eine Gerichtsverhandlung, wo Recht gesprochen und Verlierer ausgemacht werden, noch ein verlängertes Sprachrohr für Anliegen der Lehrperson.


Der Klassenrat - Fortführung reformpädagogischer Praxis

Die Bedeutung des Klassenrats für die demokratische Erziehung
Der Klassenrat ist der „Ort, wo die Kinder sich in der Massengemeinschaft mit ihrer Persönlichkeit, Verantwortungsbereitschaft und aktiver, freiwilliger Teilnahme einbringen können" (DREIKURS u.a. 1987, S. 122). Nach DREIKURS u.a. (1987, S. 123) lernen Kinder in den regelmäßigen Gruppengesprächen
sich gegenseitig zuzuhören,
gegensätzliche Standpunkte zu bedenken und andere Menschen zu verstehen,
anderen Menschen als gleichwertige Partner mit Achtung zu begegnen,
konstruktiv mit Frustrationen umzugehen und beunruhigende Probleme zu bearbeiten.
Der Klassenrat beabsichtigt in erster Linie die Ermutigung der Kinder. Ihre Stellung im Schulleben wird gestärkt. Das Wort des Kindes zählt.
In bester demokratischer Tradition geht es in der Klassenversammlung oder im Klassenrat um das „Mitregieren" (KIPER 1997) der Kinder in der Schulgemeinschaft.
„Der Klassenrat ist ein Instrument, das Kindern dabei hilft, von Beginn ihrer Schulzeit an ihre Angelegenheiten in der Schulklasse selbstverantwortlich zu regeln." (KIPER 2003, S. 198)
Das Miteinander vieler Menschen in einem „Haus des Lernens" ist jedoch nicht ohne Konflikte denkbar. Folglich sind die Themen der Klassenversammlungen neben der Planung des gemeinsamen Lebens auch die vielfältigen Probleme der Kinder. Ausgangspunkt der Gespräche im Klassenrat sind meistens die Probleme der Einzelnen mit anderen in der Masse. Durch das Mitfühlen der Gruppe erlebt jedes Kind, dass es nicht allein ist. Die Erziehungseinrichtungen großer Pädagogen wie Flanagan, Makarenko, Korczak, Kanitz, Freinet, Neill, Reichwein oder Petersen stehen für die konsequente Weiterentwicklung der Idee, die Gruppe in den Erziehungsprozess miteinzubeziehen. Ein Kerngedanke des Klassenrats im Gegensatz etwa zum „Streitschlichter"-Verfahren besteht in der Beteiligung der gesamten Klassengemeinschaft an der Lösung von Problemen (vgl. FLISSIKOWSKI 2002). Dabei tragen die Kinder dazu bei, dass eine Streitkultur an die Stelle von Gewalt tritt, damit manche Gewalttätigkeit von vornherein vermieden wird (vgl. BERGK 2002). In seinem Eröffnungsreferat auf dem Grundschulforum in Berlin sprach FRTZ OSER in diesem Zusammenhang „von der Zuhilfenahme des Bösen zur Erreichung des Guten", was bedeutet, dass die Auseinandersetzung der Gruppe mit dem „Ärgern" oder dem „Stören" moralische Werte in der Gemeinschaft entstehen lässt. Das Überwinden des „Schlechten", des Tiefgangs wirkt wie ein Lernanreiz. Die Krise wird zur Chance.

Klassenrat – Umsetzung an der Kardinal-von-Galen-Grundschule
In der Regel findet in jeder Klasse einmal wöchentlich eine Klassenratssitzung statt. Zusätzliche Sitzungen aus besonderen Anlässen (z. B. wegen eines schweren Zwischenfalls) können einberufen werden.
Wenn Kinder etwas im Klassenrat besprechen wollen, schreiben oder malen sie dazu  in das Klassenratbuch, bei Bedarf auch im Unterricht. Dies stört den Unterricht nicht, im Gegenteil: Das akute Problem hat ein Ventil gefunden und das Kind kann sich nach dem Aufschreiben meist besser auf den Unterricht konzentrieren („Störungen haben Vorrang."). Die Lehrerin sichert dem Kind zu, dass sein Problem im Klassenrat geklärt werden kann. Die Kinder wissen aus Erfahrung, dass ihre Angelegenheiten sehr ernst genommen werden. Das Eintragen ins Klassenratbuch nutzen viele Kinder; manche werden zuweilen von den Lehrern darauf hingewiesen, dass sie ihr Problem eintragen könnten; ein Erwachsener oder ein Kind kann dabei behilflich sein.
Die Klassenratssitzungen beinhalten folgende Elemente:
1. „Was ist aus den Ergebnissen vom Klassenrat der letzten Woche geworden?“ → Überprüfung der Umsetzung der Lösungsvorschläge aus dem Klassenratbuch
2. Problembesprechung „Welche Anliegen oder Probleme gibt es heute?“→ Klassenratbuch
2.1. Problembearbeitung → eventuell Einladung eines Schülers aus einer anderen Klasse zum Klassenrat „ Wir sprechen über die Anliegen oder Probleme“
2.2. Problemlösung „Wir suchen eine Lösung für das Problem und einigen uns“
2.3. „Wir schreiben das Ergebnis auf“
3. Negative Runde
4. Positive Runde

Erläuterungen zu den einzelnen Elementen:
Zu 1.) In dieser ersten Runde wird das Klassenratsbuch aufgeschlagen und es wird nachgeschaut, ob sich die Probleme aus der letzten Woche erledigt und gelöst haben.

Zu 2./2.1./2.2./2.3.) Das Gespräch in dieser zweiten Runde über zwischenmenschliche Konflikte steht erfahrungsgemäß im Mittelpunkt jeden Klassenrats. Die Themen jedes Gesprächs bestimmen die Kinder selbst, indem sie ihr Anliegen in das Klassenratsbuch eingetragen haben und nun besprochen werden. Das Klassenratsbuch wird durchgeschaut und jedes kleine oder große Problem wird besprochen.
Zunächst ist Klarheit über jedes angesprochene Problem zu gewinnen. Da ein Problem aus vielen Blickwinkeln gesehen werden kann, muss jede Konfliktseite ausführlich ihre Sichtweise darstellen können. Dabei leben wir Lehrer durch unser Verhalten als Gesprächsleiter vor, wie Achtung vor den Gefühlen der beteiligten Kinder möglich ist. Moralische Ermahnungen, Verurteilungen oder die Bloßstellung eines Kindes gehören nicht in den Klassenrat, da sie die Bereitschaft zur Mitgestaltung der Gemeinschaft schmälern. Wir sorgen für eine Atmosphäre, in der Angst reduziert und kreative Lösungen gefunden werden können. Nach unseren Erfahrungen lösen die Kinder die meisten Probleme alleine dadurch, dass ein genaues Verstehen der anderen Seite ermöglicht wird. Wenn z. B. etwas „aus Versehen" und „nicht extra" gemacht wurde, ist die Erkenntnis dessen bereits so konfliktmindernd, dass ein Zeichen genügt, dass es „leid tut", so etwas gemacht zu haben.
Äußerst selten will ein Kind nicht über ein Problem sprechen. Dann bieten wir ihm an, bei anderer Gelegenheit, vielleicht auch im Einzelgespräch oder in der Kleingruppe darüber zu sprechen.
Um eine professionelle Distanz behalten zu können, machen wir die Probleme der Kinder nicht zu unseren Problemen. Den wichtigen Hinweis von Thomas Gordon „Wer besitzt das Problem?" haben wir im Sinne hilfreicher Gesprächsführung weitgehend verinnerlicht. Grundsätzlich gibt es bei uns keine „längst vergessenen" Probleme oder „Kleinigkeiten", die es nicht zu besprechen lohnt. Wenn jedoch ein Kind sehr häufig ins Klassenratsbuch schreibt, wird zuweilen auf das Lesen dieser Eintragungen verzichtet, und das Kind kommt zu Wort. Durch das Eingehen auf seine Problemlage (z. B. kein Freund, häusliche Belastungen) können manche Konflikte im Vorfeld entschärft werden (vgl. FUEST 1990; KIPER 1997).
Handelt es sich um Schwierigkeiten, die alleine durch das gegenseitige Verstehen nicht zu beheben sind, müssen Problemlösungen gesucht werden, bei denen ein Konsens erzielt werden sollte. Sie werden meist als Beschluss im Klassenratsbuch notiert und in der nächsten Klassenratssitzung erneut unter Punkt 1 angesprochen, um zu prüfen, ob sich die Beteiligten an die Absprachen gehalten haben. Falls nicht, muss das Problem neu bedacht werden.
Nicht immer lassen sich einfache Lösungen finden. Nach unseren Erfahrungen hilft der Hinweis, dass auch wir als Erwachsene nicht immer weiter wissen. Oft nehmen wir uns dann eine Bedenkzeit bis zum nächsten Klassenrat.
Das Überwinden von Schwierigkeiten ist eines der bedeutendsten Gefühle in dieser Phase des Klassenrats. Es entsteht in der Gruppe ein Selbstbewusstsein und eine Zuversicht, die anstehenden Aufgaben und die dabei entstehenden Probleme meistern zu können.
Wenn eine Lösung für das Problem gefunden wurde, wird das Ergebnis ins Klassenratsbuch eingetragen.

Zu 3.) In der dritten Runde wird darüber geredet, welche weiteren Dinge in der Woche nicht so gut waren. Die Frage lautet in der Runde: „Was hat mir diese Woche nicht gut gefallen?“

Zu 4.) Um einen schönen Abschluss des Klassenrats zu haben, gibt es dann eine positive Gesprächsrunde: „Was hat mir diese Woche gut gefallen?" (Vgl. KIPER 1997, dort wird von "positiven Runden" gesprochen).

Literatur
BERGK, MAMON: Streitkultur statt Gewalt. In: Grundschulunterricht 49. Jg., H. 1, 2002, S. 9-19

DREIKURS, RUDOLF, GRUNWALD, BRONIA & PEPPER, FLOY: Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme. Herausgegeben von H. J. Tymister. Weinheim: Beltz,1987
FLISSIKOWSKI, SIMONE: Der Klassenrat: Ein praxisorientiertes Konzept für den Umgang mit Konflikten in der Grundschule. In: ITZE, ULRIKE; ULONSKA, HERBERT; BARTSCH, CHRISTIANE (Hrsg.) Problemsituationen in der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2002, S. 290-307
FUEST, ADELTRAUT: Der „Klassenrat" im Kontext schulischer Lehr-Lernprozesse. In: TYMISTER, H. J. (Hrsg.), Beiträge zur Individualpsychologie 13. Individualpsychologische Beratung München: Reinhardt, 1990, S. 48-68
KIPER, HANNA: Selbst und Mitbestimmung in der Schule: Das Beispiel Klassenrat. Baltmannsweiler: Schneider, 1997
KIPER, HANNA: Mitbestimmen lernen im und durch den Klassenrat. In: PALENTIEN, CHRISTLAN & HURRELMANN, KLAUS (Hrsg): Schülerdemokratie - Mitbestimmung in der Schule. München, Luchterhand, 2003, S. 192-210